BAP
Nach seinem favorisierten Livealbum gefragt, fallen Wolfgang Niedecken ein paar Grundsätzlichkeiten zu jenen Aufnahmen ein, die nicht selten einen Etikettenschwindel beinhalten.
„Ein wirklich gutes Livealbum muss atmen und Risiken zulassen. Wenn man zum Abmischen von Liveaufnahmen noch Dutzende Instrumente ins Studio karren muss, um vermeintliche Fehler gerade zu bügeln, hat eine Liveplatte ihren lebendigen Charakter eigentlich bereits verloren. Es geht vollkommen am Sinn einer Liveaufnahme vorbei, wenn nach der Studioaufbereitung nur noch das Schlagzeug, das Publikum und der Clicktrack live zu hören sind“, merkt der BAP-Chef ironisch an.
Der Not unzähliger Bands, deren qualitativ mitunter fragwürdige Livedarbietungen eben jene zusätzlichen Studioaufbereitungen immer wieder notwendig machen, steht die BAP-Tugend gegenüber, von der sich im Laufe der letzten drei Dekaden Tour für Tour mehrere hunderttausend Fans überzeugen konnten. Kein Wunder also, dass für das neue Livealbum der Kölner Band, abgesehen vom wohlfeilen Abmischen, keinerlei Studiozeit benötigt wurde. „Live und in Farbe“ ist zu hundert Prozent ein waschechtes Livealbum geworden. Und was für eins! Das aktuelle BAP-Studioalbum „Radio Pandora“ sorgte im letzten Jahr bereits mit dem Erklimmen der Spitzenposition der Media Control-Albumcharts aus dem Stand heraus für Aufsehen und bescherte BAP eine weitere Nummer 1, die landesweit auf Kritikerlob stieß. Mit ihrem neuen Album „Live und in Farbe“, veröffentlichen die fünf Musiker jetzt einmal mehr Rekordverdächtiges. Beim insgesamt vierten musikalischen Road-Tagebuch der Band um Wolfgang Niedecken, handelt es sich nämlich nicht nur um eine aktuelle Bestandsaufnahme vor enthusiastischem Publikum. Im 33. Jahr ihres Bestehens, überrascht die Kölner Band mit dem längsten Livealbum, das jemals von einer deutschsprachigen Band veröffentlicht wurde. Was nach Weltrekord klingt, ist für BAP nur ein folgerichtiger Schritt, denn wer die „Radio Pandora“-Tourkonzerte erlebt hat weiß, dass die Band unter einer Spielzeit von drei Stunden nicht von der Bühne zu kriegen ist. Angesichts dessen ist es eigentlich nur logisch, dass „Live und in Farbe“ ein Tripelalbum sein muss, das während des ersten Teils der laufenden „Radio Pandora“-Tour in unterschiedlichen Städten aufgezeichnet und im kraftaktartigen Schnellverfahren abgemischt wurde, um jetzt sozusagen als Zwischenbericht der aktuellen Tour präsentiert zu werden. Ein Schnellschuss ohne qualitative Einbußen, der dem Team der Concert Online-Crew zu verdanken ist, die jedes der bisherigen Konzert der „Radio Pandora“-Tour mit riesigem technischen Aufwand mitschnitt und unmittelbar nach den jeweiligen Konzerten als Rohversion auf USB-Sticks beim Merchandising anbot. Für den auf „Live und in Farbe“ vorliegenden Querschnitt dieser Mitschnitte orientierten sich Niedecken und seine Musiker am Programmablauf des Konzerts in ihrer Heimatstadt, das am 26. Dezember 2008 über die Bühne der Kölner Lanxess Arena ging.
„Weil der Konzertablauf in Köln sehr stimmig war und mit ‚Arsch huh, Zäng ussenander’ und ‚Für ne Moment’ zwei Köln-spezifische Songs enthielt, die wir im ersten Teil der Tour noch nirgendwo gespielt hatten. Außerdem waren unsere Musikerfreunde Anne De Wolff als Geigerin, der Percussionist Rhani Krija und Jo Steinebach an der Pedal-Steel-Gitarre als Gäste in Köln dabei, die dem Ablauf des Konzerts einen wunderbaren roten Faden verliehen haben“, erinnert sich Wolfgang Niedecken.
Die drei Stunden von „Live und in Farbe“ spiegeln entsprechend das Weihnachtskonzert in Köln wider, an geeigneten Stellen ergänzt durch fünf Songs, die in Köln zwar nicht auf der Setliste standen, für die Band aber unbedingt in diese Auswahl gehören. Neue Publikumsfavoriten wie „Songs sinn Dräume“ und „Krohn oder Turban“, erleben dabei neben BAP-Klassikern wie „Do kanns zaubre“ oder „Bahnhofskino“, energetische Revitalisierungen, die nur eine Band liefern kann, die seit über 30 Jahren immer wieder aufs Neue ihr Selbstverständnis als hervorragende Live-Band unterstreicht. Nicht zuletzt darüber legt die neue Dreifach-CD kraftvoll Zeugnis ab. Und noch ein weiterer Präzedenzfall ist BAP mit dem neuen Livealbum gelungen, denn erstmals während einer laufenden Tournee einer Band, wird für kleines Geld das nahezu komplette, bisherige Tourrepertoire veröffentlicht.
All jene, die befürchten das gesamte Programm des zweiten Teils der „Radio Pandora“-Tour, die am 11. März 2009 in Lüneburg fortgesetzt wird, mit „Live und in Farbe“ bereits zu kennen, kann Wolfgang Niedecken beruhigen. „Unser Kanon an Songs ist so riesig, dass niemand die Wiederholung des Sets der Liveplatte befürchten muss. Wir sind nun mal keine Band, die Abend für Abend die gleichen Songs spielt. Dafür haben wir viel zu viel Spaß an unserem eigenen Repertoire.“
Evidenz für diese durchaus angemessene Selbsteinschätzung liefern die drei Silberlinge im neuen Liveset en masse, oder genauer gesagt in Form von 36 Songs, deren Auswahl vor allem dem Lustdiktat der Band entspricht. „Live und in Farbe“ ist kein Greatest Hits-Live-Album. Dessen Songauswahl hätte anders aussehen müssen. Songs, die von der Band als „überspielt“ eingeschätzt werden oder momentan ihren Spaßfaktor verloren haben, müssen auf der Ersatzbank Platz nehmen. Dafür werden klassische Albentracks mit teils neuen Arrangements in der Form präsentiert, wie BAP in der Saison 2008/2009 klingt: stringent, punktgenau und schnörkellos geradeaus. „Live und In Farbe“ ist deswegen auch das zwischenzeitliche Statement einer Band, die nicht permanent darum bemüht ist, in der eigenen glorreichen Vergangenheit zu schwelgen, sondern immer in Bewegung bleibt und alles im Fluss hält. Wie sollte es auch anders sein bei der eingeschworenen Fünferbande, die nicht aus Berufsmuckern, sondern aus musikalischen Überzeugungstätern besteht, deren Herzblut ganz offensichtlich und hörbar in die eigene Musik einfließt?
Damit schließt sich wieder der Kreis zur Frage, was ein gutes Livealbum ausmacht. Sind es die Momentaufnahmen, in denen nicht jeder Ton punktgenau sitzen muss und gerade deswegen trotzdem Charme besitzt? Oder ist es das Gefühl der Authentizität, das beim Hören zuhause entsteht weil man ob des einen oder anderen Intonationsproblems hin und wieder sogar ins Schmunzeln geraten kann? All das besitzt die neue BAP-Liveplatte und deswegen ist es eigentlich kein Wunder, dass „Live und in Farbe“ derzeit Wolfgang Niedeckens Lieblings-Livealbum ist. (02/2009)
