PAROV STELAR 24.08.14 Bonn KUNST!RASEN, 19 Uhr
Datum/Uhrzeit
August 24, 2014
19:00
Veranstaltungsort
KUNST!RASEN Bonn
Special guest: Madame Summit
Es ist spät in der Nacht und Schritte genagelter Schuhe hallen durch die engen Gassen. Irgendwo rattert ein Ford-Motor durch die Nacht und die Pflastersteine glänzen vom letzten Regenguss. In der Straße ist niemand zu sehen, die Jalousien der Läden sind schon seit Stunden heruntergelassen und die Hauseingänge bilden dunkle Höhlen. Irgendwo hört man Schritte, dann Gemurmel und ein paar Takte Musik liegen
in der Luft, während sich eine Tür öffnet und wieder schließt. In wenigen Worten liegt der Schlüssel zum Eintritt in eine unbekannte Welt. Ein Passwort, dass Eingeweihten die Tür in eine Szene öffnet, in der andere Regeln gelten und wo sich, fern der scharfen Augen der Obrigkeit, nicht nur Gauner frei bewegen können, sondern auch Gedanken etwas freier sind als anderswo. Hier wird vermengt, was andernorts noch für einen Skandal sorgen würde. Und genau hier wird der Lebenslust gefrönt: Musik ist nicht nur Mittel zum Zweck sondern der Antrieb. Bis zum Sonnenaufgang zu tanzen und sich dabei zu vergessen, während sich ein Orchester darin versucht, althergebrachte musikalische Strukturen aufzubrechen und dabei seiner Bandleaderin folgt, die mit ihrer Stimme das Thema vorgibt. Hier wird fern der Öffentlichkeit etwas gänzlich Neues geboren.
Es sind die Schlüsselmomente in der Musikgeschichte, die sich in das kollektive Gedächtnis einprägen und als Momentaufnahme zum Aushängeschild einer Szene, eines Genres oder einer Generation werden. Irgendwann wurde alles zum ersten Mal gedacht, eine Melodie zum ersten Mal gespielt oder ein Rhythmus zum ersten Mal variiert. Klitzekleine Veränderungen können oft Großes bewirken. Es ist das Aufspüren dieser Momente, der Versuch, eine Stimmung durch den kurzen Moment einer abgespielten Aufnahme wiederzugeben oder aber die Neuentdeckung eines solchen Moments, indem man ihn in einen anderen Kontext setzt, die Sampling zu einer der zentralen Kulturtechniken unserer Zeit machen.
Wir waren vielleicht nicht dabei, als in einem verrauchten Jazz-Club irgendwo in Stadtteilen, die nicht so jedermanns Sache sind, zum ersten Mal Musiker aufeinandertrafen, die mit ihrem Sound die Welt verändert haben. Und die wenigsten von uns waren dabei, als herausgeputzte junge Musiker zum ersten Mal Gänsehaut beim Publikum ausgelöst haben, bevor sie die Charts eroberten. Oder als bei Straßenfesten Plattenspieler zu Musikinstrumenten wurden, die mit ihrem Rhythmus einer zornigen Generation ein Sprachrohr und damit Hoffnung gaben. Und doch haben diese Momente eine enorme Auswirkung auf unser modernes Musikverständnis. Sampling ist heutzutage nicht einfach nur die Suche nach Sounds sondern vor allem nach diesen Momenten. So wie man ein Passwort benötigte, um Zutritt zu einer geheimen Speakeasy –Bar zu bekommen, so muss man auch die Codes eines Genres kennen, um Zitate und Samples richtig anzubringen.
Parov Stelar kennt diese Codes. Sein riesiges Sampling-Archiv ist in jahrelanger intensiver Aufarbeitung verschiedenster Genres und Einflüsse entstanden. Seine Musik fügt diese Elemente gefühlvoll zu neuen Kompositionen zusammen, die er nicht nur mit Ideen sondern auch zahlreichen eigenen Aufnahmen ergänzt. So entwickelte sich über die Jahre ein sehr eigenständiger Trademark-Sound, der von Geschichtsverständnis ebenso geprägt ist wie von einem großen Schaffensdrang und einer Produktionsweise am Puls der Zeit. Mittlerweile kann Parov Stelar auf eine umfangreiche eigene Discographie verweisen, die auch selbst zum Teil schon wieder Grundlage für Bearbeitungen geworden ist. Und auch wenn Parov Stelar sich gerne zurückgezogen seinen Soundbasteleien widmet und sich gedanklich in den Nischen besagter Nightclubs herumtreibt, um den Legenden auf die Finger zu schauen, so ist er in den letzten Jahren nicht nur zu einem Aushängeschild eines neuen Sounds geworden, sondern – zusammen mit seiner Band – auch zu einem der großen Live-Phänomene unserer Zeit.
„The Art of Sampling“ präsentiert nun neues Material von Parov Stelar, vereint mit einigen herausstechenden Tracks seiner letzten Alben, die die Thematik des Samplings und seine Arbeit wunderbar veranschaulichen. Besonders erwähnenswert ist die enge Zusammenarbeit mit anderen Künstlern – sogenannte Features. Die erste Single-Auskopplung „Keep On Dancing“ feat. Marvin Gaye macht dabei den Anfang und legt ein von Parov Stelar gewohnt hohes Level vor: Gearbeitet wurde hier mit Tonspuren aus Marvin Gayes funkigem Disco Nummer-1-Hit „Got To Give It Up“ aus dem Jahr 1977. Parov Stelar macht daraus eine Synth-Pop Nummer, die die entspannte Stimmung und den Disco-Appeal des Originals aufgreift und eine neue Note hinzufügt. „Keep On Dancing“ ist für Parov Stelar eine echte Herzensangelegenheit: Marvin Gaye zählt zu seinen Idolen und viele von Gayes Songs hatten und haben einen wesentlichen Einfluss auf sein Schaffen. So ist es nachvollziehbar, dass es aus verschiedenen Gründen kein Leichtes war, sich der Herausforderung der Neubearbeitung dieses Überhits zu stellen.
Auch zwei Kooperationen mit lebenden Sängern finden sich unter dem neuen Material auf „The Art of Sampling“. Recht unterschiedliche Features ergeben sich dabei aus der Zusammenarbeit mit dem Dänen Lukas Graham und Anduce aus den USA.
Auch „Heavens Radio“ mit den Vocals von Bessie Griffin aus dem gleichnamigen Gospel Song kommt in klassischer Parov Stelar – Machart daher. In Stelars Version wird die Stimme von den Sounds zarter Instrumentalklänge regelrecht getragen.
Der Bogen, der auf dem Album vertretenen, mittlerweile zu Parov Stelar Klassikern gewordenen Tracks, spannt sich von den Downtempo-Perlen „Shine“ und „Faith“ über Standardwerke des Electro-Swing Genres („Jimmy´s Gang“, „Catgroove“, „Libella Swing“, „The Mojo Radio Gang“, „The Phantom (1930 Version)“, „All Night“) bis hin zum Sample-Feuerwerk „Matilda“ und dem neueren „Love (Remix)“.
Mit „The Art of Sampling“ wird also insgesamt nicht nur so etwas wie eine erste Werkschau von Parov Stelars Schaffen der vergangenen (fast) 10 Jahre gezeigt, er lässt es sich auch nicht nehmen mit neuem Material Zeugnis seines unermüdlichen Schaffensdrangs abzulegen und mehr als nur den obligaten Bonus-Track hinzuzufügen.
www.parovstelar.com
http://vimeo.com/103343490?from=outro-embed
